Rückblicke

Rückblicke

»Gesund – erfolgreich – gut? Zur Diskussion gerontologischer und politischer Leitbilder des Alterns«

Jahrestagung 2019

Tagungsbericht verfasst von Nadja Morgenstern und Tobias Schramm (Institut für Soziologie, FAU)

In Konzepten des »successful aging« kommt der Anspruch einer Überwindung lange vorherrschender Defizitmodelle des Alterns zu Gunsten einer an Ressourcen und Potenzialen orientierten Perspektive auf das spätere Leben zum Tragen. Sie stehen damit für ein zentrales Paradigma zeitgenössischer human- und sozialwissenschaftlicher Alternsforschung und finden auch Eingang in medial vermittelte öffentliche Diskurse sowie sozial- und gesundheitspolitische Programme in den alternden Gesellschaften der Gegenwart. Dabei spiegeln sie nicht nur sich wandelnde Erfahrungen des Älterwerdens und Altseins wider, sondern bringen auch individuelle und gesellschaftliche Leitbilder für das höhere Lebensalter zur Geltung. Was ist die Funktion dieser gerontologischen und politischen Leitbilder des Alterns?

Und sind diese Leitbilder überhaupt sinnvoll und akzeptabel? Welche Rolle spielt Gesundheit? Vor dem Hintergrund dieser Fragenfand am 10. und 11. Oktober 2019 in der Kaiserburg Nürnberg die Jahrestagung des Zentralinstituts statt. Die interdisziplinäre Tagung zur Bedeutung des Begriffs des »erfolgreichen Alterns« wurde von Dr. Larissa Pfaller, Soziologin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, und Prof. Dr. Mark Schweda, Philosoph und Medizinethiker an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in Zusammenarbeit mit PD Dr. Lars Allolio-Näcke organisiert. Gleichzeitig stellte die Veranstaltung die Abschlusstagung des vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projektes »Erfolgreiches = gesundes = gutes Altern? Altersbilder und Prämissen gerontologischer und sozialpolitischer Altersdiskurse in Deutschland« (2017-2019) dar. Moderiert wurden die Einzel- und Doppelvorträge und die anschließenden Diskussionen mit insgesamt zwölf Referent*innen von Lena Stange, Dr. Merle Weßel und Niklas Ellerich-Groppe (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg).

Empirische und ethische Perspektiven des »Successful Aging«

Larissa Pfaller und Mark Schweda begrüßten die Teilnehmer*innen und Zuhörer*innen und erörterten, warum sich Soziolog*innen und Ethiker*innen überhaupt mit dem Konzept des »erfolgreichen Alterns« beschäftigen und warum genau dieser Begriff eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosoph*innen und Soziolog*innen erfordert. Pfaller und Schweda legten dar, dass das Konzept des »erfolgreichen Alterns« einen moralisch aufgeladenen Begriff darstellt, dessen evaluative und normative Prämissen einer eigenen Untersuchung unterzogen werden müssen.

Den Eröffnungsvortrag hielt Prof. Dr. Dr. h.c. Heiner Bielefeldt, der an der FAU den Lehrstuhl für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik innehat. Der Vortrag widmete sich der Bedeutung der Ausformulierung von Menschenrechten für Ältere. Bielefeldt stellte die einleitende Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, spezielle Menschenrechte für Ältere zu bestimmen und in einer eigenen Charta auszuformulieren. Menschenrechte seien universell gültig, müssen aber für spezifische Kontexte konkretisiert werden. Lebensweltliche Perspektiven verliehen Menschenrechten überhaupt erst einen konkreten Sinn. Nur wenn solche spezifischen Perspektiven eingenommen würden, könne auch auf neue Problembereiche und Rechtsdefizite reagiert werden. Die eingenommen Perspektiven fragmentierten die Menschenrechte nicht, sondern bereicherten unser Verständnis dessen, was ein Menschenrecht überhaupt ist.

Im ersten Vortrag der Tagung stellten Larissa Pfaller und Mark Schweda die Ergebnisse ihrer Untersuchung des Konzeptes des »erfolgreichen Alterns« vor. Dieses wird in der gerontologischen Literatur als dominantes Konzept und Leitmotiv einer »neuen Gerontologie« verstanden. Zugleich ist das Konzept massiver Kritik ausgesetzt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Warum ist der Begriff des »erfolgreichen Alterns« derart allgegenwärtig und erfolgreich? Aus Experteninterviews mit Gerontolog*innen konnte die Einsicht gewonnen werden, dass dieses Konzept lediglich für kleine Teile der gerontologischen Psychologie tatsächlich als operatives Konzept dient. Außerdem wird in den einschlägigen Debatten letzten Endes immer auch die Frage erörtert, wie wir alt werden sollen. Damit weist die Diskussion über den gerontologischen Fachdiskurs hinaus auf die ethische Fragestellung, was ein gutes, gelingendes Leben im Alter sei. In ihrem Licht erscheint die Debatte allerdings vielfach verkürzt. So weist sie z. B. eine einseitige Ausrichtung auf Aktivität auf. Insgesamt kann die ethische Analyse der normativen Prämissen des erfolgreichen Alterns eine aktivistische, produktivistische und ökonomistische Reduktion des Begriffs offenlegen.

Im zweiten Vortrag der ersten Tagungssektion lieferte die Soziologin Marie-Kristin Döbler (FAU) mit ihrem Vortrag empirische Perspektiven zur »Lebenszufriedenheit in Alten(pflege)heimen« und zur Frage, was »gutes Leben« für alte Menschen bedeutet. Entsprechend lag der Fokus auf dem feldimmanenten Verständnis von gutem Leben. Die Pflegepraxis scheint von der Idee eines »guten Alterns« geprägt zu sein, die aber nicht unbedingt mit der Vorstellung eines aktiven, produktiven und erfolgreichen Alterns einhergeht. Stattdessen können alternative Verständnisse von Aktivität und somit eine Pluralität von Aktivitäten gefunden werden, die über die aktivistischen Engführungen der gerontologischen Debatte hinausweisen.

Im Anschluss setzten sich Susanne Wurm und Miranda Leontowitsch in einer gemeinsamen Diskussionsrunde mit der Frage auseinander, welche Rolle Gesundheit in den Leitbildern des Alterns spielt und ob das Leben ohne Gesundheit nicht mehr als lebenswert erscheint. Prof. Dr. Susanne Wurm (Universität Greifswald), die einen Lehrstuhl für Sozialmedizin und Prävention innehat, fragte in ihrem Vortrag, was wir überhaupt unter Gesundheit verstehen und welche Bedeutung diese für uns hat. Sie stellte dabei insbesondere die Bedeutung von Altersbildern für das individuelle Gesundheitsverhalten und die Gesundheitsversorgung im Alter heraus. In diesem Zusammenhang plädierte sie für ein vielschichtigeres Gesundheitssystem, welches verschiedene Anforderungen an ein ausdifferenziertes Verständnis von Gesundheit erfüllen könnte.

Der Vortrag der Soziologin Dr. Miranda Leontowitsch (Universität Frankfurt am Main) befasste sich unter dem Titel Ohne Gesundheit ist alles nichts? mit der Kunst des Alterns. Nach Leontowitsch sind Gesundheit und der Umgang mit gesundheitlichen Risiken zunehmend berechenbar geworden. Gesundheit sei zu einer individuellen moralischen Aufgabe geworden. Umso wichtiger erscheint Leontowitsch vor diesem Hintergrund die Selbstsorge der Alternden, die als »individuelle Handlungsfähigkeit« zu verstehen ist. Leitbilder des »aktiven und erfolgreichen Alter(n)s« seien nicht Auslöser, sondern Ergebnis von gesellschaftlichen Entwicklungen, die dazu geführt haben, dass Gesundheit und Selbstsorge zur Kernaufgabe des Alter(n)s wurden.

Der gemeinsame Abendvortrag der Gerontologen Prof. Dr. Hans-Werner Wahl (Universität Heidelberg) und Prof. Dr. Clemens Tesch-Römer (Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin) setzte sich unter dem Titel Erfolgreiches Altern und die dunkle Seite des Älterwerdens mit dem »Ringen der Gerontologie« um ein Verständnis von Sinnfindung im Alter auseinander. Zudem wurde die Frage beleuchtet, inwiefern das Konzept des »erfolgreichen Alterns« weiterhin verwendet werden sollte. Die Gerontologie könne nach Wahl und Tesch-Römer durchaus auf eine Erfolgsgeschichte des »Successful Aging« zurückblicken, das sich als Konzept auch noch weiterentwickle. Ihnen zufolge sollte das umstrittene Konzept auch weiterhin verwendet werden, da es visionär sei und impliziere, dass Altern nicht nur unabänderliches biologisches Schicksal, sondern auch durch Interventionen modifizierbar sei. Zudem sei gerade die Normativität des Konzeptes nützlich, da uns so Kriterien dafür an die Hand gegeben werden, worin »erfolgreiches Altern« eigentlich bestehe.

Kritische Betrachtungen zum Konzept des »Successful Ageing«

Im ersten Vortrag des zweiten Tages stellte der Philosoph PD Dr. Magnus Schlette (Universität Heidelberg) die Frage, was unter »Selbstverwirklichung im Alter« zu verstehen ist. Die Überlegungen zum Konzept der Selbstverwirklichung orientieren sich am modernen Freiheitsbegriff und seiner Verbindung mit dem Begriff des Guten. Die Verschränktheit von personaler Freiheit und gutem Leben könne über den Zusammenhang von »Wollen« und »Können« verständlich gemacht werden. Selbstverwirklichung müsse vom Willen ausgehen, der das Gute anstrebt. Freude und das Gute finden wir aber schließlich in der Ausübung unserer Fähigkeiten. Wir verwirklichen uns durch unseren Willen im Handeln – in dem, was wir »gut« können.

Im Anschluss beschäftigte sich der Soziologe Dr. Ludwig Amrhein (Fachhochschule Dortmund) in seinem Vortrag Kritik der Kritischen Gerontologie mit der Frage, was kritische Gerontologie eigentlich ausmacht. Dabei ging Amrhein zunächst auf die von der Kritischen Theorie geprägten Grundlagen und Methoden dieser gerontologischen Strömung ein. Vor diesem Hintergrund skizzierte er, welche inhaltlichen Einwände die kritische Gerontologie gegenüber traditionellen gerontologischen Ansätzen erhebt. Die kritische Gerontologie müsse aber auch sich selbst und ihre eigenen Konzepte und Ansätze kritisch hinterfragen. Sie sei ein soziales Unternehmen, das selbst wiederum ideologiekritisch beleuchtet werden sollte.

In der zweiten Diskussionsrunde der Tagung setzten sich Klaus Schroeter und Heinz Rüegger unter dem Titel Gelingendes Altern – Lebenskunst oder neoliberaler Imperativ? mit der Frage nach dem erfolgreichen Altern auseinander. Der Soziologe Prof. Dr. Klaus Schroeter (Fachhochschule Nordwestschweiz) legte den Schwerpunkt auf die Frage, inwiefern das »erfolgreiche Altern« als gesellschaftlicher Imperativ angesehen werden kann. Sein praxeologischer Altersbegriff ermöglicht durch die Untersuchung alltäglicher Handlungen im späteren Lebensalter einen Zugang zur Konstruktion von Altersdifferenzen. Altern verweist, so Schroeter, immer auf einen symbolischen Zusammenhang und wird praktisch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse geschaffen. Das Altern und dessen Leitbilder und die damit verbunden kleinen Altershandlungen erschaffen und instituieren sich im gesellschaftlichen Handeln.

Der Vortrag des Theologen Dr. Heinz Rüegger (Institut Neumünster) befasste sich unter dem Titel Gelingendes Altern als Lebenskunst mit der Kunst des Alterns. Rüegger skizzierte zunächst, welche grundlegenden Imperative einer Kunst des Alterns eigen sind. Entgegen den gesellschaftlich vorherrschenden Imperativen, dass das Altern möglichst vermieden oder hinausgezögert bzw. verschleiert werden sollte, gehe es der Lebenskunst des Alterns darum, Potenziale des Alterns zu nutzen. Das Konzept des »erfolgreiches Alterns« und die Lebenskunst des Alterns seien insofern zu unterscheiden, da Letztere nicht produktivistisch oder aktivistisch ausgelegt sein muss, sondern sich auch in der (z. B. kontemplativen) Bewältigung von negativen Alternsprozessen äußere. Die Lebenskunst suche nach Praktiken und Methoden, mit den Herausforderungen des Alterns umzugehen.

Posterbeiträge

Neben den Vorträgen stellten sieben Posterbeiträge von Luise Geithner, Katrin Ettl, Alexandra Sept, Merle Weßel und Lena Stange, Lisa Häberlein, Marina Plugge und Niklas Petersen weitere aktuelle Forschungen zum Thema vor.

Das Poster von Merle Weßel und Lena Stange (Universität Oldenburg) zeigte die Ergebnisse einer qualitativen Studie zu lebensweltlichen Vorstellungen guten oder aktiven Alterns. Die empirischen Ergebnisse wurden mit einem theoretischen Diskurs zum Begriff des »guten Alterns« zusammengeführt, um herauszufinden, inwiefern sich die politischen und sozialen Leitbilder des guten Alterns bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen wiederfinden und welche Alter(n)s- und Gesundheitsvorstellungen sich dahinter verbergen.

 Luise Geithner und Marcella Reissmann (Köln) beschäftigten sich in ihrem Poster mit dem Thema Gutes Leben im hohen Alter: Perspektiven aus Politik, gesundheitlicher Versorgung, Seniorenarbeit und Medien. Geithner und Reissmann stellten sich die Frage, welche Leitbilder des Alterns bei Vertretern der Politik, der Medien, der Seniorenarbeit und der Gesundheitsinfrastruktur zu finden sind und inwieweit sie auch für das hohe Alter und Hochaltrige zutreffen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Ansichten und Vorstellungen bezüglich der Leitbilder des guten Alterns stark divergieren und dass Akteure, die ständig mit der Arbeit mit Hochaltrigen konfrontiert sind, Leitbilder des »guten Alterns« nicht mehr auf Hochaltrige anwenden.

Katrin Ettl (FAU) stellte ein Poster vor, dass die Lebensqualität von Bewohner*innen von Alten(pflege)heimen thematisiert. Das zugrundeliegende Forschungsprojekt geht unter anderem der Frage nach, welche Vorstellungen von Lebensqualität im Alter bei Heimbewohnern und Heimbewohnerinnen sowie der Heimleitung existieren. Außerdem wird untersucht, welche institutionellen Rahmenbedingungen aus Sicht der Bewohner*innen der Förderung der Lebensqualität entgegenstehen. Das Poster informiert insbesondere über ökonomische Rahmenbedingungen, die die Lebensqualität von Bewohner*innen unter anderem über die Budgetierung von Leistungen und z. B. das in der Pflegerealität vorzufindende Phänomen der »Minutenpflege« beeinflussen.

Niklas Petersen (Jena) untersucht den Einfluss sozialpolitischer Leitbilder des eigenverantwortlichen Alterns auf medizinische, pflegewissenschaftliche und öffentliche Diskurse zur Demenzprävention. Die Leitbilder des eigenverantwortlichen Alterns basieren auf der normativen Überzeugung, dass Autonomie und Wohlbefinden auch im hohen Alter weiter ausgebaut werden sollten – eine Forderung, die in ein kapitalistisches Paradigma eingebettet ist und darauf abzielt, die Solidargemeinschaft zu entlasten. Der Einzelne wird dazu verpflichtet, Gesundheit und Leistungsfähigkeit bis weit ins hohe Alter zu bewahren und zu fördern. Ein Problem zeigt sich in der Spannung zwischen dem Anspruch, den eigenen kognitiven Abbau im Alter aktiv zu verhindern, und der Unmöglichkeit seiner eigenverantwortlichen Einlösung.

Alexandra Sept (München) verdeutlicht anhand ihres Posters die Herstellung und Umsetzung der sozialen Norm der »gesunden Ernährung« im Alter. Obwohl Ernährung ein omnipräsenter Teil des Alltags ist, bleibt unklar bzw. unterliegt ständiger Veränderung (auch über den Lebensverlauf hinweg), welche Motive und Normen unser Ernährungsverhalten bestimmen. In ihrem Beitrag stellt Sept vor, wie Senioren und Seniorinnen die Norm der »gesunden Ernährung« herstellen, welche Rahmenbedingungen das Ernährungsverhalten bestimmen und ob und wie die Vorstellungen von »gesunder Ernährung« überhaupt im Alter umgesetzt werden.

Marina Plugge (Köln) präsentierte einen Posterbeitrag zum Thema ›Erfolgreiches‹ Hochaltern – Konzepte des Alterns für das 9. Lebensjahrzehnt. Vor dem Hintergrund einer stark wachsenden Anzahl hochaltriger Personen ging Plugge der Frage nach, welche Dimensionen das Konzept des »erfolgreichen Alterns« im hohen Alter aufweist. Sie ermittelte fünf wesentliche Dimensionen (Abwesenheit von Krankheit, Erhalt der physischen Fähigkeiten, Erhalt der kognitiven Fähigkeiten, gute zwischenmenschliche soziale Einbindung und produktive soziale Einbindung), die bei 8 % der Hochaltrigen gefunden werden können.

Auch Lisa Häberlein (FAU) beschäftigte sich in ihrem Posterbeitrag mit der Frage, was ein gutes Leben im hohen Alter ausmacht. Häberlein thematisierte insbesondere die Perspektive der Gerotranszendenz. Mithilfe des Konzepts der Gerotranszendenz soll der Übergang von einer materialistischen hin zu einer auf das Selbst, soziale Beziehungen und Mystik basierten Weltsicht beschrieben werden. Der Übergang von einer materialistischen hin zu einer transzendenten Weltsicht wird in der Literatur mit einer Zunahme von Lebenszufriedenheit in Verbindung gebracht. Der kontemplative Rückblick auf das eigene Leben und die damit einhergehende Zusammenfassung, das Durcharbeiten und die Interpretation von Lebenserfahrungen ermöglichen es dem Individuum, verschiedene Aspekte seiner Identität in ein kohärentes Bild einzuordnen.

Fazit

In der Abschlussdiskussion der Tagung wurden im Plenum entscheidende Diskussionsstränge und Ergebnisse zusammengefasst: Zunächst wurde noch einmal die Funktion des Konzeptes »Successful Aging« für den gerontologischen Fachdiskurs thematisiert. Trotz aller – ja auch sehr nachdrücklicher und grundsätzlicher – Kritik hält die Gerontologie weiterhin an den Konzepten bzw. aus forschungs- und veröffentlichungspragmatischen Gründen am bloßen Wording »Successful Aging« fest. Zudem wurden über die Tagung getragene Diskussionsstränge zum Thema Normativität und Gesundheit zusammengeführt: Nicht selten wird an Konzepten des »Successful Aging« eine Kryptonormativitiät kritisiert, also ein expertokratisches Setzen von Normen und Werten, deren Maßstäbe allerdings unausgewiesen bleiben. Ihr wird gleichzeitig als gleichsam ausgleichende Größe die Praxis im Alltag der »Betroffenen« gegenübergestellt. Begreift man allerdings Leitbilder des erfolgreichen Alterns eher als Ergebnis denn als Ursache größerer gesellschaftlicher Entwicklungen, der Medikalisierung und Responsibilisierung des Alter(n)s, ist die Frage nach dem Verhältnis von Betroffenen- und Expertenperspektive noch einmal differenzierter zu stellen. Schließlich sind nicht nur die normativen Prämissen von Konzepten erfolgreichen Alterns selbst, sondern auch die ihrer Kritiker*innen zu hinterfragen.

 

»Kann materialisierte Religion sprechen?«

Jahrestagung 2018

Die 8. interdisziplinäre Jahrestagung wurde durch ein internationales Forschungsprojekt des ZAR-Mitglieds Dr. Andreas Pastors sowie den generellen Forschungsdiskurs der Ur- und Frühgeschichte, wie materielle Hinterlassenschaften ohne zusätzliche schriftliche Belege interpretiert werden können, angeregt. Unter dem Titel »Kann materialisierte Religion sprechen?« fand die Tagung vom 22.-23. November 2018 in Erlangen statt. Als Referent für die Keynote konnte Prof. Dr. Jörg Rüpke, Erfurt, gewonnen werden, der zusätzlich am Nachmittag des 22. November einen Workshop für Studierende und Doktorand*innen der archäologischen Wissenschaften anbot. Jörg Rüpke ist einer der führenden Experten zur antik-römischen Religionsgeschichte und arbeitete mit den Studierenden zu Fragen zum Aussagegehalt und zu Interpretationsmöglichkeiten von nicht-schriftlichen historischen Zeugnissen in Bezug auf religiöse Konzepte und Praktiken. Weitere Referenten waren Prof. Dr. Bernhard Maier, Dr. Claudio Tennie, Dr. Nicole Hausmann und Dr. Andreas Pastoors.

Diskutiert wurden vor allem folgende Fragestellungen: Wie können Objekte toter Kulturen auch ohne schriftliche Zeugnisse zum Sprechen gebracht werden? Wie kann man methodisch gesichert schlussfolgern, ob es sich um Hinterlassenschaften mit religiöser oder profaner Funktion handelt, wenn meist keine eindeutigen und vollständigen Fundkontexte vorliegen und nur einzelne oder wenige Artefakte als Grundlage dienen? In methodischer Hinsicht bieten sich Analogien zu rezenten Populationen an, wobei ähnliche Phänomene (Funktion/Aussehen/Bildmotive) betrachtet werden, die aber auf unterschiedliche Ursachen zurückgehen können (Konvergenz) oder sogar zufällig sind und damit keinerlei Erklärungspotenzial bieten. Oder aber es handelt sich um Homologien, wobei ein äußerlich ähnliches Erscheinungsbild eines beobachteten Phänomens auf identische systemische Ursachen zurückgeführt wird. Gibt es aber auch weitere innovative Verfahren, wie die Artefakte zum Sprechen gebracht werden können? Welche Hinweise können Archäozoologie und Biologische Anthropologie bieten? Hat die rezente Religionswissenschaft neue Antworten auf diese Fragen? Können etwa Handlungsrekonstruktionen das in den Artefakten gespeicherte kulturelle Gedächtnis wiederbeleben?

Die Tagung war mit 55 Teilnehmenden sehr gut besucht. Insbesondere auch das studentische Interesse an der Tagung ist hervorzuheben.

 

»Nacktheit«

Jahrestagung 2017

Die 7. interdisziplinäre Jahrestagung wurde durch ein internationales Buchprojekt des ZAR-Mitglieds Dr. Sarah Schulz angeregt und fand vom 11. bis 13. Oktober 2016 unter dem Titel »Nacktheit« in Erlangen statt.

Der Mensch ist der einzige Primat, der nackt ist – oder doch eher unbehaart?! Die Frage »Was ist Nacktheit?« stand im Zentrum der 7. interdisziplinäre Jahrestagung des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)«, denn eine suffiziente Antwort auf diese Frage fehlt bis heute. Fest steht bislang nur: Eine ›natürliche‹ Nacktheit gab und gibt es zu keiner Zeit. Das, was natürlich und nackt ist, unterliegt drei Prinzipien: (1) dem historischen Wandel von Menschenbildern, (2) sozialen Praktiken und symbolischen Formen und der (3) Geschichtlichkeit der menschlichen Existenz. Allen dreien kann der Mensch nicht entkommen und muss ihnen Rechnung tragen.

Beiträge aus der Kulturwissenschaft, der Kunstgeschichte, der Ur- und Frühgeschichte, der Ägyptologie, der Klassischen und Christlichen Archäologie, der Soziologie sowie dem Alten Testament näherten sich dem Nackten in ihrem jeweiligen disziplinären Umfeld und spiegelten die drei Prinzipien zur Nacktheit zurück. Da alle Beiträge von hoher Qualität waren, wird die Tagung unter dem Titel »Nacktheit – transdisziplinäre anthropologische Perspektiven« im Münsteraner LIT-Verlag erscheinen.

 

»Wie ich Ich bleibe«

Jahrestagung 2016

Die 6. Interdisziplinäre Jahrestagung diente der Stärkung der Professur für Christliche Publizistik innerhalb der Universität wie dem ZAR. Die Tagung fand vom 13. bis 14. Oktober 2016 unter dem Titel »Identität im digitalen Zeitalter« in Erlangen statt.

»Wie ich Ich bleibe«, titelte der Spiegel im Juni 2015 und stellt damit die zentra­le Frage nach dem Menschsein des Menschen im Zeitalter der Digitalisierung. Rechner und Algorithmen navigieren das Leben des Einzelnen von der Wiege bis zur Bahre. Der Netzphilosoph Luciano Floridi spricht vom Verschwinden des ›Ich‹ und dem Entstehen einer neuen Gattung ›Mensch‹ als einem mit der Technik verwachsenen »onlife« lebenden »Informationsorganismus«. Die theologische und philosophische Rede von der Originalität des Menschen, seiner Einzigartigkeit, scheint umso mehr obsolet, je vermessener Menschen durch die Algorithmen sind und je berechenbarer sie dadurch werden. Die Tagung beleuchtete die Veränderung der Identitätsbildung in den Bereichen Sprache, Selbstbilder und Gesellschaftsbilder, befragte die alte Wissenschaft vom Menschen, die theologische Anthropologie, auf Denkansätze und Kriterien für einen souveränen Umgang mit diesen neuen Technologien hin, fragte nach (medien)ethischen Kategorien und eröffnete interdisziplinäre Forschungslandschaften.

Ergebnisse der Tagung: (1) personale Identität bewegt sich zwischen den Polen Permanenz und Variabilität, wobei sich deren Verhältnis je nach Kulturtechnik der Identitätsstiftung verändert; (2) die Einsicht, dass sich die Trias des Ichs als Sicht auf die eigene Innen- und Außenperspektive (Identität im Sinne der Profilierung Walter Sparns) durch die Digitalisierung nicht wesentlich verändert hat, nur die Möglichkeiten – gerade der Variabilität – der Außenperspektive haben sich erhöht; (3) nicht die Identität hat sich verändert, sondern der »Andere«, das notwendige Gegenüber der Identitätsbildung hat sich verändert – vom persönlichen Einzelgegenüber hin zu einer anonymen Öffentlichkeit.

Ringvorlesung »Jüdische Welten in Franken«

Das ZAR fördert im SS 2017 die Ringvorlesung »Jüdische Welten in Franken. Einblicke und Perspektiven« der Gastprofessur für Jüdische Studien, die von den ZAR-Mitgliedern Franziska Grießer-Birnmeyer, Dr. Nadine Hamilton, Dr. Sarah Schulz und Simon Wiesgickl beim Büro für Gender und Diversity der FAU eingeworben wurde. Die Gastprofessur schließt eine an der FAU bestehende Lücke durch die Judaistin Dr. Annett Martini und dient als Scharnier zwischen Philosophischer Fakultät und Fachbereich Theologie.

Download: Juedische_Welten_in_Franken_Plakat_08

Ringvorlesung Monotheismus und Religion

Christentum, Judentum und Islam: Die drei großen monotheistischen Religionen können dazu neigen, sich von der restlichen Gesellschaft abzuschotten und extremistische Ansichten zu entwickeln. Wie gehen die Kirchen selber mit dieser Gefahr um? Und was können pluralistische Gesellschaften wie die deutsche dagegensetzen? Mit diesen und weiteren Fragen zur Beziehung von Monotheismus und Pluralität beschäftigt sich eine Vortragsreihe der Lehrstühle für Orientalische Philologie und Islamwissenschaft sowie für politische Wissenschaft und des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)« der FAU. Die Reihe findet ab dem 22. November dienstags um 18.15 Uhr im Hörsaal 1.016 des Erlanger Kollegienhauses statt.

Vertreter der großen Religionen und ihrer Konfessionen sprechen aus ihrer religiösen und konfessionellen Sicht zum Verhältnis von Monotheismus und Pluralität. Zu den Referenten gehören unter anderem Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, Aiman A. Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, sowie  der Rabbiner Steven E. Langnas. Die Referenten beleuchten dabei Fragen wie: Ist Pluralität mehr als Orientierungslosigkeit? Schützen Bürgerrechte politischen Extremismus? Warum können freiheitliche Gesellschaften der Nährboden für religiösen Fanatismus sein? Wo ist die Grenze der Toleranz? Findet die streitbare Demokratie die Kraft und die richtigen Wege, dem monotheistischen Extremismus Einhalt zu gebieten? Wie stehen die monotheistischen Religionen zum demokratischen Verfassungsstaat? Wie wollen sie die religiösen Kriege beenden? Wie können die Kirchen und die Glaubensgemeinschaften die Pluralität der Gesellschaft stärken?

Die Termine im Detail

  • 22.11.2016 Weihbischof Sofian von Kronstadt (Rumänisch-Orthodoxe Kirche)
  • 6.12.2016: Rabbiner Steven E. Langnas
  • 10.01.2016: Kardinal Reinhard Marx (Erzbischof von München und Freising / Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz)
  • 17.01.2017: Prof. Dr. Reza Hajatpour (FAU-Lehrstuhl für Islamisch-Religiöse Studien mit systematischem Schwerpunkt)
  • 24.01.2017: Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm (Bayerischer Landesbischof / Ratsvorsitzender der EKD)
  • 31.01.2017: Aiman A. Mazyek (Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland)

Download des Flyers

Geographien post-­säkularer Gesellschaften

Jahrestagung 2015

Die Tagung fand vom 11. bis 13. Juni 2015 in Kooperation mit dem Arbeitskreis Religionsgeographie der Deutschen Gesellschaft für Geographie in Erlangen statt.

Nähere Informationen finden Sie auf unserer Jahrestagungs-Seite.

 

Gastvortrag: Kippfiguren und Rätselbilder

Strategien der Ambiguität in der frühmittelalterlichen Kunst – unter diesem Thema hielt Dr. Tobias Frese (Heidelberg) einen Gastvortrag am Montag, 03.11.2014 in Raum B 302. Veranstaltet wurde der Vortrag vom Lehrstuhl für Germanische und Deutsche Philologie (Department Germanistik und Komparatistik) in Verbindung mit dem Zentralinstitut »Anthropologie der Religion(en)«. Das Plakat zur Veranstaltung können Sie hier laden.

 

Perfektion und Perfektibilität

Jahrestagung 2014

Die Jahrestagung fand vom 29. September bis 30. September 2014 in Erlangen statt. Das Programm können Sie auf der Jahrestagungs-Seite aufrufen.

 

»Religiosity and Thinking out of the Box«

Summer Workshop 3. und 4. May 2014

Der Gott aller Menschen (ilah al-nas; Koran 114/3) und seine Botschaft, die sich in verschie­denen religiösen Traditionen manifestiert hat, sollten – dem Ideal des Glaubens nach – allen Menschen zugänglich sein. Gemäß dominanter theologischer Selbstverständnisse passen jedoch bestimmte Lebensvorstellungen, -praktiken wie die homosexuelle oder queere in das göttliche bzw. religiöse Weltbild nicht hinein. Wer bestimmt das unbestimmbare Göttliche? Warum wird manchen Menschengruppen der Zugang zu Gott verwehrt? Was erlebt man, wenn man nicht der dominanten Sicht folgt? Wie restriktiv oder offen sind die religiösen Positionen, wenn es um offene gesellschaftliche Ordnungen geht? Wie können theologische und religionswissenschaftliche Wissensproduktionen Ansätze queererFragestellungen und Theorien miteinanderverbinden? Diese und viele andere Fragen um Normbildung und othering sollen im Rahmen des zweitägigen Kolloquiums filmisch, künstlerisch und diskursiv debattiert werden.

Ablauf:

Samstag, 3. Mai 2014
18.00 Uhr Filmvorführung »Shahada« mit anschließendem Gespräch mit dem Regisseur Burhan Qurbani
Sonntag, 4. Mai 2014
9.30 – 10.30 Uhr Queer Studies, Kontexte und Religiosität: Muslimische Erfahrungen und Positionen: Ludovic-Mohamed Zahed, Paris
10.30 – 11.00 Uhr Kaffeepause
11.00 – 12.00 Uhr Queer Studies, Kontexte und Religiosität: Jüdische Erfahrungen und Positionen: Rabbi Mark L. Solomon, Interfaith Consultant Liberal Judaism, London
12.00 – 13.00 Uhr Mittagessen
13.00 – 14.00 Uhr Queer Studies, Kontexte und Religiosität: Christliche Erfahrungen und Positionen: Dr. Norbert Reck, München

 

Vom Nutzen der Zweideutigkeit

Ambiguität als Chance und Problem

Die Universitätsringvorlesung des Wintersemesters 2013/14 trug den Titel Vom Nutzen der Zweideutigkeit – Ambiguität als Chance und Problem. Im Mittelpunkt der Diskussion um Ambiguität stehen diejenigen Prozesse, die bei Entstehung und Veränderung von Bedeutungen und Normen entscheidende Relevanz haben. Aus dem Altgriechischen der Antike kommend findet sich der Begriff bereits in Aristoteles Rhetorik und ist heute überall da zu finde, wo es um Zwei-, Mehrdeutigkeiten und Undeutigkeiten geht. Prominente Verwendung findet der Begriff immer noch in der Sprach- und Literaturwissenschaft, wie dies die Vorträge von Prof. Dr. Christof Landmesser zum biblischen Kanon und Prof. Dr. Christiane Witthöft zur mittelalterlichen Literatur ausführen werden. Aber nicht nur hier.

Generell lassen sich diese Aushandlungsprozesse um Bedeutungen und Normen zwischen den Polen ›Ambiguität‹ und ›Eindeutigkeit‹ verorten. Während Phänomene gerade noch inkludiert werden können, da sie eben nicht eindeutige und damit exklusive Definitionen zulassen (Ambiguität), z. B. bei der Frage, was eine Religionsgemeinschaft ist und was nicht, müssen andere tendenziell ausgeschlossen bzw. verdrängt werden, wodurch Eindeutigkeiten geschaffen werden, bspw. das Verbot des gemeinsamen Abendmahls bei ökumenischen Gottesdiensten. Hier besteht nicht selten per defintionem oder in praxi die Gefahr, dass sich fundamentalistische Positionen herausbilden (Abschottung). Dass sich der Bereich Religion ganz besonders für solche Prozesse eignet haben Dr. Tarek Badawia und Dr. Abbas Poya am Beispiel Islam und die Historikerin Prof. Dr. Birgit Emich am konfessionellen Zeitalter erläutert.

Da aber viele Phänomene ambig sein können, begegnet das Phänomen in fast allen Bereichen des menschlichen Lebens. Überall dort, wo Komplexität reduziert werden muss oder die Pragmatik zum Handeln zwingt. Dr. Nadine Metzger wird hierzu exemplarisch das naturwissenschaftliche Körperbild um 1900 thematisieren, aber die Medizin ist bis heute ein Hort der Vereindeutigung, wo es keine Eindeutigkeit gibt. Sind Geschlechtskorrekturen bei intersexuellen Menschen extreme Beispiele der Normalisierung (an eine Norm angleichen), so sind in der Medizin genutzte Werte, wie Cholesterin oder die Höhe der Körpertemperatur nichts anderes als statistisch vereindeutigte Ambiguitäten.

Im Mittelpunkt aller Vorträge standen folgende Fragen: Wie verhalten sich Ambiguität (Verdrängung, Inklusion) und die Macht der Eindeutigkeit (Fundamentalismus) zueinander? Wo, wie und warum werden bestimmte Phänomene integriert, andere aber nicht? Gibt es historische wie rezente Beispiele extremer Ambiguitätstoleranz und was kann man von Ihnen für Konfliktsituationen lernen? Lassen sich Regeln für das ›Umkippen‹ von Ambiguität zu notwendiger Eindeutigkeit erkennen?

Wer die Ringvorlesung noch einmal nachhören möchte, kann die Aufnahmen unter diesem Link abrufen.

 

Die Bibel in jüdischer, christlicher und islamischer Tradition
(The Bible in Jewish, Christian and Islamic Tradition)

Summerschool 3. bis 5. September 2013 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 Hörsaal A, Theologisches Seminargebäude, Kochstraße 6, 91054 Erlangen

→ Programm herunterladen

Drei Religionen – ein gemeinsames Erbe. Anhand der Figuren Adam und Eva sollen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Rezeption wie Auslegung der ›biblischen‹ Geschichte in jüdischer, christlicher und islamischer Tradition herausgearbeitet werden. Unterschiedliche hermeneutische Traditionen werden im Anschluss in (exegetischen) Seminaren nahegebracht und diskutiert. Der Lehrstuhl Altes Testament II lädt hierzu recht herzlich ein.

Die Summer School richtet sich an Studierende, Graduierte, DoktorandInnen, PfarrerInnen, RabbinerInnen, islamische TheologInnen und akademisch Interessierte.

Die Teilnahme an der Summer School ist kostenfrei. Die Übernachtung obliegt jedem/r TeilnehmerIn selbst zu organisieren. Ein Teil der Summer School wird auf Englisch stattfinden (Veranstaltungen mit Yair Zakovitch). Es besteht die Möglichkeit für DoktorandInnen zur Präsentation Ihres Dissertationsthemas in Form von Vorträgen und Posterpräsentationen. Wenn Sie diese Möglichkeit zu einem interdisziplinären Austausch zu Ihrem Thema nutzen wollen, teilen Sie dies bitte mit dem Titel ihres Projekts bei der Anmeldung mit.

Anmeldungen werden bis 15. August 2013 an lan@plattform-anthropologie erbeten.

Die Internationale Summer School wird unter Beteiligung des Departments Islamisch-Religiöse Studien (DIRS) der FAU durchgeführt; gefördert und unterstützt wird sie vom Zentralinstitut »Anthropologie der Religion(en)« (ZAR) der FAU sowie durch die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB), die für den Aufenthalt von Prof. Yair Zakovitch in Form einer Shalom Ben-Chorin Gastprofessur aufkommt.

 

Jahrestagung 2013: »Grenzen der (religiösen) Zurichtung des Körpers«

Das Zentralinstitut »Anthropologie der Religion(en)« lädt zur 3. Internationalen Jahrestagung vom 16. bis 19. September 2013 ein. Im Mittelpunkt der Tagung steht der menschliche Körper. Zwar ist die Körperlichkeit des Menschen ein grundlegendes Thema jeder Anthropologie, jedoch wurde der Einfluss von Religion(en) auf das Denken und Praktizieren von Körper bislang kaum thematisiert.

Mit der 3. Internationalen Jahrestagung will das Zentralinstitut »Anthropologie der Religion(en)« den Forschungsschwerunkt »Körper und Verkörperungen« stärken. Zwar ist die Körperlichkeit des Menschen ein grundlegendes Thema jeder Anthropologie, jedoch wurde der Einfluss von Religion(en) auf das Denken und Praktizieren von Körper bislang kaum thematisiert. Mit dem Einbezug der Religion(en) entstehen neue konzeptionelle und begründungstheoretische Herausforderungen mit Blick auf die Produktion und Repräsentation des Körpers, die damit verbundenen Heilserwartungen und dementsprechende medizinische Transformationen.

Auch für religiöse Körper gilt, dass sie historisch zugerichtet werden. Sie tragen die Spuren der religiösen Tradition ebenso, wie sie spezifische Ausprägungen der jeweiligen Zeit-Ort-Konstellation darstellen. Wie weit in der Körper hinein reicht die religiöse Zurichtung? Und was unterscheidet einen religiösen Körper etwa von einem sozialen oder politischen? Ist der religiöse Körper derjenige, der durch religiöse Praktiken (Körperhaltungen aber auch die praktische Beherrschung der unterliegenden Regeln), religiöse Vorschriften (z. B. Kleidung), religiöse Visionen (z. B. Eschatologie) und religiöse Zeichen (der beschriftete Körper) aber auch religiöse Autorität (Amtsperson, Gemeinde) zugerichtet ist? Zeichnet ihn aus, dass die individuelle Verfügung über den Körper durch die Religion eingeschränkt wird – und das auf beiden Ebenen von Denken und Handeln? Oder ist diese Zurichtung gerade als Möglichkeit zur Freiheit zu verstehen, indem nach der subversiven Dimension religiöser Körperlichkeit gefragt wird (bspw. Askese)? Reale Körper sind immer kontingent, sie unterlaufen die Zeichenordnung, die sich der Körper bemächtigt. Sie widersetzen sich – unter Beibehaltung der Ordnung (Körperbild) – derselben, indem sie anders sind, anders sein ›wollen‹. Wie viel solcher Freiheit ist aus religiöser Perspektive tolerabel?

Das Programm können Sie hier als PDF herunterladen.

Für eine Anmeldung und weitere Kontaktaufnahme wenden Sie sich bitte an lan@plattform-anthropologie.de.

 

Keynote Lecture: Wie Muslime und Christen sich heilige Orte teilen

Am Donnerstag, 14. Februar, 18.00 Uhr s.t. lädt Dr. Ute Verstegen gemeinsam mit dem ZAR universitätsöffentlich in den Hörsaal A (2. OG), Theologisches Seminargebäude, Kochstraße 6, Erlangen ein. Hier eröffnet der bekannte Sozialanthropologe Prof. Glenn W. Bowman die Internationalen Tagung »Geteiltes Gedenken / Shared memory« mit dem Vortrag »The Grounds of Sharing: an Inquiry into Intercommunality at Religious Sites and its Dissolution«.

Auch heute noch sind die komplizierten Beziehungen der drei großen Religionen Judentum, Islam und Christentum in Palästina Dauerthema. Das zeigt sich besonders an heiligen Orten, die sich die drei Religionen teilen. Ein renommierter Experte auf diesem Gebiet ist zu Gast an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU): Glenn Bowman von der englischen University of Kent hält am Donnerstag, 14. Februar, um 18 Uhr eine universitätsöffentliche Vorlesung. In dem englischsprachigen Vortrag „The Grounds of Sharing: an Inquiry into Intercommunality at Religious Sites and its Dissolution“ beleuchtet Bowman, wie Bewohner des ländlichen Palästinas mit heiligen Stätten umgehen, die von mehreren Religionen verehrt werden.

In Bowmans Vorlesung stehen die Beziehungen von Christen, Muslimen und Juden an ländlichen heiligen Orten in Palästina bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Er zeigt, dass die Verehrung heiliger Stätten durch mehrere Religionen für die lokale Bevölkerung von geringer Bedeutung war. Für offizielle Vertreter der Kirchen hingegen, die die Stätten für ihre Konfession beanspruchten und Spuren anderer Religionen auszulöschen versuchten, waren sie von großer Bedeutung.

Am Beispiel vom Grab Rahels – einer heiligen Stätte, die von Christen, Muslimen und Juden verehrt wird – zeigt Bowman unter anderem, wie Ortsansässige und zugewanderte Juden zunehmend unvereinbare Ideen entwickelten, wie mit dem heiligen Ort umzugehen sei. Diese Gegensätze führten zunächst zu einer räumlichen Trennung der Konfessionen im Heiligengrab, später zu gewalttätigen Auseinandersetzungen um konfessionelles Eigentum.

Glenn W. Bowman lehrt Sozialanthropologie an der School of Conservation and Anthropology der University of Kent in England. Seine Studien zu interreligiösen Kontaktsituationen in Konfliktregionen wie Palästina oder dem Balkan haben international Aufmerksamkeit gefunden. 2012 erschien „Sharing the Sacra: The Politics and Pragmatics of Inter-communal Relations around Holy Places”.

Die Keynot Lecture ist Teil der zweitägigen Internationalen Tagung »Geteiltes Gedenken. Parallelnutzungen von Sakralorten in interreligiösen und ‑konfessionellen Kontexten / Shared memory. Parallel use of religious sites in interreligious and interdenominational contexts«, die vom 14. bis 15. Februar 2013 in Erlangen stattfinden wird. Das Tagungsprogramm finden Sie hier.

 

Workshop »Körper – Atmosphären – Emotionen« mit Robert Gugutzer

Der bekannte Körpersoziologe Prof. Dr. Robert Gugutzer kommt vom 21. bis 22. Januar 2013 nach Erlangen, um mit DoktorandInnen der Soziologie und Mitgliedern des ZAR über den Körper und verschiedene Sichtweisen auf diesen zu sprechen. Guguster vertritt einen neophänomenologischen Ansatz, Körper und seine Phänomene zu beschreiben. Am 21. Januar 18.00 Uhr c.t. stellt er diesen in den Räumen der Soziologie vor.

Die interne Veranstaltung wird vom ZAR gefördert und steht seinen Mitgliedern offen. Dankenswerter Weise wird die veranstaltung zusätzlich durch die Frau Dorothea und Dr. Richard Zantner-Busch-Stiftung gefördert. Den Flyer zur Veranstaltung finden Sie hier.

 

Implizites Wissen zwischen Verkörperung und Explikation

Wie sich implizites Wissen äußert, wie es im Körper und seinem Handeln Ausdruck findet und ob es sich überhaupt explizieren lässt, fragt die erste Tagung des Graduiertenkollegs »Präsenz und implizites Wissen« vom 6.-7. Dezember in Erlangen. Das ZAR unterstützt die und beteiligt sich an der Tagung, die das ZAR Forschungsthema »Körper und Verkörperungen« aufgreift.

Die Frage nach der Bedeutung und der Funktionsweise von implizitem Wissen beschäftigt mittlerweile nicht nur eine Vielzahl von wissenschaftlichen Disziplinen, sie wird zunehmend auch in praktischen Kontexten, etwa in der Psychologie, der Organisationsberatung oder in der interkulturellen Kommunikation diskutiert. Die zugrundeliegende Idee lautet, mit der bekannten Formulierung von Michael Polanyi, »dass wir mehr wissen, als wir zu sagen wissen«.

Wir verfügen, mit anderen Worten, über vielseitige Erfahrungen und Fähigkeiten, ohne uns der Komplexität dieses Wissens bewusst zu sein. Wir interagieren permanent mit unserer materiellen und sozialen Umwelt und registrieren gefährliche Situationen, ohne dass wir dabei bewusst planen oder registrieren, wie wir dies eigentlich tun. Wir fahren Fahrräder, binden Schnürsenkel, verwenden Türklinken, kommunizieren über Telefone oder versammeln uns in großen Gruppen in Räumlichkeiten, die wir noch nie zuvor betreten haben, ohne dass uns auffiele, wie komplex die motorischen, psychischen und sozialen Anforderungen sind, die wir dabei jedes Mal problemlos bewältigen.

Die Tagung zielt erstens darauf, aufzuzeigen, welche Rolle das Thema in der neueren kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung spielt. Zweitens präsentiert sie Forschungsansätze und Forschungsprojekte, die gegenwärtig im Rahmen des Graduiertenkollegs »Präsenz und implizites Wissen« bearbeitet werden.

Einen Flyer als PDF mit diesem Text und genauen Programminformationen können Sie hier laden.

Kontakt:
Homepage des Kollegs »Präsenz und implizites Wissen«
Heike Paul (Sprecherin) Heike.Paul@amer.phi.uni-erlangen.de
Katharina Gerund (Koordinatorin) Katharina.Gerund@amer.phil.uni-erlangen.de

 

»Neue Fundamentalismen – Ambiguität und die Macht der Eindeutigkeit«

2. Jahrestagung vom 02. bis 03. Oktober 2012 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die zweite Jahrestagung des ZAR stand unter dem Motto »Neue Fundamentalismen – Ambiguität und die Macht der Eindeutigkeit« und wurde in Kooperation mit dem Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa (EZIRE) durchgeführt. Im Mittelpunkt standen diejenigen Prozesse, die bei Entstehung und Veränderung von Normenentscheidende Relevanz haben. Skizzieren lassen sich diese durch die beiden Pole ›Ambiguität‹ und ›Eindeutigkeit‹.

Während Phänomene gerade noch inkludiert werden können, da sie eben nicht eindeutige Definitionen zulassen (Ambiguität), müssen andere tendenziell ausgeschlossen bzw. verdrängt werden, wodurch Eindeutigkeiten geschaffen werden, die per defintionem oder in praxi zu fundamentalistischen Positionen führen (Abschottung). Diese Phänomene lassen sich insbesondere für den Bereich ›Religion‹ exemplarisch darstellen – aber nicht nur.

Die Tagung suchte ein interdisziplinäres Gespräch von Medizin über Islamwissenschaft und Religionswissenschaft zu Geschichte und Kunstgeschichte bis hin zur Sinologie, Philologie und Literaturwissenschaft. Im Mittelpunkt der Diskussion standen folgende Fragen:

Wie verhalten sich Ambiguität (Verdrängung, Inklusion) und die Macht der Eindeutigkeit (Fundamentalismus) zueinander? Wo, wie und warum werden bestimmte Phänomene integriert, andere aber nicht?

→ Den Flyer der Tagung als PDF laden.

 

Einladung zu den Juni-Vorträgen des ZAR

Gleich zwei Vorträge werden im Juni an der FAU zu Themen des Zen­tral­­in­­sti­­tuts stattfinden: Prof. Dr. Patrick Franke spricht über das Ver­hält­nis von Is­lam­wissen­schaft und neu entstehender Is­lamischer Theo­lo­gie (28. Juni 2012, 18 Uhr, HS A im TSG) und Prof. Dr. Stephan Stetter wird sich mit der Raum­­poli­tik und den Menschen­rech­ten be­schäf­tigen (18 Juni 2012, 12 Uhr, HS A im TSG).

Beide Vorträge sind öffentlich. Hier können Sie die Flyer mit den Vortragsankündigungen herunterladen:

Prof. Dr. Stephan Stetter, Universität der Bundeswehr München

Spatial Politics and Human Rights:
The Local/Global Interface of Space
“ (Vortrag auf Deutsch)

Montag, 18.06.2012, 12 — 14 Uhr,
Theologisches Seminargebäude (TSG), Hörsaal A

Prof. Dr. Patrick Franke, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Islamwissenschaft im Zeitalter der Islamischen Theologie.
Perspektiven und Aufgaben

Donnerstag, 28.06.2012, 18 Uhr,
Theologisches Seminargebäude (TSG), Hörsaal A

Palliativstationen: Über das Entstehen einer neuen ars moriendi

Im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung »Arenen der ästhetischen Bildung« des Interdisziplinären Zentrums für Ästhetische Bildung der FAU nehmen die Würzburger Palliativmedizinerin Dr. Birgitt van Oorschot und der Psychologe Dr. Lars Allolio-Näcke am 06. Dezember 2011 (KH 1.011, 18 Uhr c.t.) die neu entstehende ars moriendi rund um Palliativmedizin unter die Lupe. 

Die jüngste Einführung palliativer Medizin in das Curriculum der Medizinerausbildung und die damit einhergehende flächendeckende Einrichtung von Palliativstationen in Deutschland stellt eine Herausforderung für alle Gruppen dar, die in irgendeiner Art in Kontakt mit diesen Stationen treten: sei es als Patient, als Angehöriger oder als Teil des klinischen Personals. Herausforderung meint hier zweierlei, zum einen den Umgang mit Sterben und Tod neu zu erlernen und diesen zum Menschen gehörenden Lebensabschnitt als solchen zuzulassen, und damit an der Etablierung einer neuen ars moriendi mitzuwirken; zum anderen eine ästhetische Herausforderung, die im Sinne des griechischen aísthesis sowohl das Gute wie das Schöne, also ethische wie ästhetische Aspekte umfasst. Im letzteren Falle geht es nicht nur um den Aspekt des Schönen an sich, sondern um eine umfassende ästhetische Bildung – wie die im Vortrag verwendeten Beispiele verdeutlichen. Der Vortrag findet am 06. Dezember 2011 im Kollegienhaus (KH 1.011) der Universität um 18 Uhr c.t. statt und ist universitätsöffentlich. Flyerdownload

 

(Un)Züchtige muslimische Sportkörper am ZAR

Die Beriner Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Krawietz hält unter dem oben genannten Titel am 25. November 2011 anlässlich des Herbstworkshops des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)« einen Vortrag über das schwierige Verhältnis von Körper und Normen/Normierung im rezenten Islam. 

Das Zentralinstitut »Anthropologie der Religion(en)« (ZAR) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg veranstaltet als Abschluss eines ersten erfolgreichen Jahres gemeinsamen Forschens zum Jahresausklang einen Herbstworkshop. Der universitäts-öffentliche Vortrag mit anschließender Diskussion beginnt um 14:00 Uhr und findet im neu entstandene Philosophische Seminargebäude (PSG Raum 00.14) direkt hinter dem Theologischen Seminargebäude, Kochstraße 6, statt. Krawietz Vortrag rundet mit ihrem Schnittstellenthema die Forschungsarbeit der Arbeitsgruppen »Körper und Verkörperungen« und »Norm, Normativität und Normenwandel« ab. Im Anschluss trifft sich von 16.00 Uhr bis 18.30 Uhr die Arbeitsgruppe »Raum und Praktiken« zu einem ZAR-internen Treffen, um an ihren Interessensgebieten und Forschungsfragen weiterzuarbeiten. Hierzu ist es gelungen, PD Dr. Thomas Schmitt vom Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften als Referent und Diskutant zu gewinnen. Der Titel seines Vortrags lautet »Perspektiven religionsgeographischer Forschung. Das Beispiel Moscheebaukonflikte in Deutschland«.

 

Richard Shweder nun per Video nachseh- und hörbar

Anlässlich der 1. Tagung des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)« hielt der renommierte Kulturanthropologe und -psychologe Prof. Dr. Richard A. Shweder die Keynote Address »Understanding the Meta-Physical Realities of Un-Physical Things: Morality and Religion For Example«. Diese ist nun über das Videoportal der FAU zugänglich.

Der Kulturanthropologe und -psychologe Richard A. Shweder geht in der Keynote Address zur 1. Tagung des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)« (ZAR) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) vom 11. bis 14. September 2011 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den Fragen nach, warum die Menschen verschiedener Kulturen nicht in ihren moralischen Vorstellungen übereinstimmen und warum diese Vorstellungen nicht genauso universalistisch sein können, wie z.B. die Idee der Wahrheit. Je nachdem wie man diese Fragen beantwortet, haben Sie Auswirkungen auf den Umgang mit kultureller Differenz und damit auf die zu erwartenden Konflikte innerhalb multikultureller wie -religiöser Gesellschaften. Seine Feldforschungen in der Tempelstadt Bhubaneswar im indischen Bundesstaat Orissa mit amerikanischen Interviews über den Status moralischer Vorstellungen und ihrer Gültigkeit kontrastierend, bezeichnet Shweder die Differenz in den Vorstellung des Stellenwerts moralischer Urteile als universalism without uniformity. Das Video findet sich in verschiedenen Qualitäten und Ausstrahlungsgrößen auf dem Videoportal der FAU.

 

Festvortrag Prof. Dr. Mathias Rohe zum Erlanger Dies academicus 2011

Anlässlich der Akademischen Jahrfeier 2011 der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am 4.11.2011 um 17.00 Uhr wird der Jurist und Experte für islamisches Recht, Prof. Dr. Mathias Rohe, den Festvortrag »Islam im demokratischen Rechtsstaat« halten.

Der Vortrag findet im Rahmen einer akademischen Feier statt, bei der der Präsident der Universität seinen jährlichen Rechenschaftsbericht vorstellt. In diesem Jahr wird auch der Bayrische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Dr. Wolfgang Heubisch, anwesend sein und ein Grußwort an die Versammelten richten. Die Veranstaltung findet am Freitag, den 4. November 2011 um 17.00 Uhr im Redoutensaal, Theaterplatz 1, Erlangen statt. Im Anschluss an die Feier lädt der Präsident zum Empfang in das Versorgungszentrum Palmeria. Flyerdownload.

 

1. Tagung »Anthropologie und Kulturpsychologie der Religion(en)« erfolgreich beendet

Vom 11. bis 14. September 2011 fand in Erlangen die 1. Tagung des Zentralinstituts »Anthropologie der Religion(en)« (ZAR) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) in Kooperation mit der Gesellschaft für Kulturpsychologie statt. Der Titel der Tagung war »Anthropologie und Kulturpsychologie der Religion(en)« und sie zielte auf das erneut virulent gewordene Thema ›Religion‹ aus kulturpsychologischer aber auch historisch anthropologischer Perspektive.

 

Vizepräsidentin

In ihren Grußworten griffen die Vizepräsidentin der FAU, Johanna Haberer, und der Sprecher des ZAR, Jürgen van Oorschot die Verbindung von religionsbezogener anthropologischerund kulturpsychologischer Forschung auf und beleuchteten diese aus verschiedenen Perspektiven. Haberer würdigte die Arbeit des erst in diesem Jahr eingerichteten Zentralinstituts und bedankte sich bei den Initiatoren, Jürgen van Oorschot und Christoph Schumann, ebenso wie sie Mathias Rohe und Jörn Thielmann für ihren Einsatz um die Einwerbung der islamisch-religiösen Studien aus BMBF-Mitteln dankte. Haberer würdigte auch die Leistung der deutschen Kulturpsychologie, insbesondere die Ernst E. Boeschs, um die Erforschung des Phänomens Religion und sprach sich für eine Stärkung der deutschen Kulturpsychologie in Form von Professuren für Religionspsychologie aus, wie dies der Wissenschaftsrat in den am 29. Januar 2010 veröffentlichten Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und reigionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen bereits getan hatte. Van Oorschot unterstrich die Notwendigkeit kulturpsychologischer wie anthropologischer Erforschung der religiösen Phänomene, um darüber zu einem neuen interreligiösen Dialog wie einem zwischen säkularen Gesellschaften und religiösen Migranten zu gelangen. Dies betonte er insbesondere anlässlich des 10. Jahrestages der Anschläge auf das World Trade Center in New York, der sich am Tag der Tagungseröffnung wiederholte. Wissenschaftlich sei diese Forschung ebenso relevant, denn der Einbezug anderer Denk- und Glaubenssysteme stelle selbst eine Herausforderung dar, denn ein praxeologischer Einbezug derselben kann bis hin zu einer Neuausrichtung des bisherigen abendländischen Denkens reichen.

Wie der 2. Vorsitzende der Gesellschaft für Kulturpsychologie, Herbert Fitzek, in seinem Grußwort feststellte, handelte es sich bei der Tagung aus Sicht seiner eigenen Gesellschaft um eine Jubiläumstagung, die auf das mehr als 20jährige Bestehen der Gesellschaft verweist. In diesem Zusammenhang dankte er Hans Werbik für seine von Erlangen ausgehende Initiative zur Gründung der Gesellschaft vor 25 Jahren. Es sei eine gute Entscheidung gewesen, an diesem historischen Tag nach Erlangen zurückzukehren.

Die Keynote Address des Abends wurde von Richard A. Shweder gehalten, dem einflussreichen Kulturanthropologen von der University Chicago, der mit seinen Aufsätzen Cultural Psychology – What is it? und Cultural Psychology – who needs it?die kulturpsychologischen Forschung weltweit in den 1990er Jahren beflügelte. In seinem sein ›Lebenswerk‹ nachzeichnenden Vortrag verwies er einerseits auf die Notwendigkeit von moralischen wie religiösen Systemen für den gesellschaftlichen Bestand sowie der gesellschaftlichen Weiterentwicklung als anderseits auch auf die Notwendigkeit der Anerkennung des Anderen und seiner Werte/Religion als notwendige Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Allerdings und dies ist sein bekanntes Credo, nicht um jeden Preis, sondern nach nachvollziehbaren und beiderseitig verständigen Kriterien, die auf dem Prinzip »universalism without uniformity« und dem Geertz’sch »anti-anti-relativism beruhen. Der Vortrag wurde aufgezeichnet und wird in Kürze über das Videoportal der FAU zum Nachsehen und -hören zur Verfügung stehen.

Die Vorträge der Tagung entfielen auf die beiden Bereiche ›Kulturpsychologie‹ und ›Anthropologie‹, wobei sich die Trennung nicht als durchhaltbar erwies. Viele der angesprochenen Themen waren für beide Seiten anregend und fruchtbar, wobei sich auch zeigt, dass in der kulturpsychologischen Forschung von Anfang an die anthropologische Forschung einen hohen Stellenwert einnimmt. Ins Gespräch gebracht wurden auf der Tagung verschiedenste Wissenschaftsdisziplinen, u. a. Psychologie & Kulturpsychologie, Theologie, Philosophie, Ethnologie, Sinologie, (Religions-)Pädagogik, Archäologie und Kunstgeschichte sowie der Religionswissenschaft.

Fruchtbar war auch die Einbindung der TeilnehmerInnen in die Forschungswerkstätten des ZAR, die einmal durch drei Doktorandinnen und Habilitandinnen zu den Themen ›Körper‹, ›Raum‹ und ›Normativität‹ gehalten wurden, als auch durch zwei große Forschungswerkstätten zu ›Körper‹ und ›Normativität‹ flankiert wurden. Diese drei Themen als Forschungsschwerpunkte des ZAR wurden in ihrem aktuellen Stand präsentiert und die bis dato formulierten Thesen mit den TeilnehmerInnen fruchtbar diskutiert und weiterentwickelt. Dabei zeigte sich, dass eine kulturpsychologische Expertise auf diesen Themenfeldern eine fruchtbare Ergänzung darstellt.

Insgesamt nahmen 64 Teilnehmerinnen an der Tagung teil, 28 davon hielten eigene Vorträge, wovon drei Präsentationen aus Tallin (Estland), Belgrad (Serbien) und Ahar (Iran) kamen – die zwei österreichischen sollten auch hier erwähnt werden. Zwei weitere Präsentationen aus den USA und dem Iran mussten aus diversen Gründen kurzfristig entfallen ebenso ein Hauptvortrag aus Krankheitsgründen. Hervorzuheben ist die zahlreiche Teilnahme von NachwuchswissenschaftlerInnen, die an ihren Disserationen oder Habilitationen arbeiten.